Zu Besuch bei der grünen Fee
Eine Woche früher als gewohnt verbrachten Seniorinnen und Senioren der Evangelischen Kirchgemeinde Dussnang-Bichelsee ein paar Ferientage im Jura. Bei sehr heissen Temperaturen.
27 Seniorinnen und Senioren aus dem Tannzapfenland liessen sich von Marcel Stillhard von Thurtal-Reisen fünf Tage lang chauffieren. Die Pflegefachfrau Christine Bischof war bereit, wenn jemand Hilfe oder Unterstützung brauchte. Ziel war diesmal der Waadtländer Jura, eine für viele eher unbekannte Gegend. Beim Kaffeehalt in Birrfeld konnte man den startenden und landenden Kleinflugzeugen zusehen. Ein feines Mittagessen wurde in Marin am Neuenburgersee serviert. Im Laufe des Nachmittags erreichte die muntere Gesellschaft das Hotel, indem sie die nächsten vier Nächte logieren wollte.
Das Grand Hôtel des Rasses wurde 1898 erbaut und gehört zu den Swiss Historic Hotels (wie auch das «Gyrenbad» bei Turbenthal). Es liegt auf rund 1200 Metern über Meer und bietet einen Panoramablick auf die Alpen. Theoretisch. Während des Aufenthaltes der Hinterthurgauer Gesellschaft war es leider immer etwas dunstig, so dass die weiter entfernten Berge nicht wirklich zu sehen waren. Und wer glaubte, auf 1200 Metern sei es kühler als im Flachland, sah sich getäuscht. Unter 30 Grad fiel die Temperatur tagsüber kaum, und auch die Nächte waren erstaunlich warm.
Dorf mit bewegter Vergangenheit
Unterhalb des Hotels liegt das Dorf Sainte-Croix. Der Ort mit rund 5000 Einwohnern war einst weltbekannt für die Spieldosen und Musikautomaten, die hier von 1811 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts produziert wurden. Sie sind in zwei Museen zu bestaunen. Dies erfuhr die Reisegruppe auf einer Führung von einem aus dem Thurgau stammenden Ortskundigen. Der wusste noch viel mehr über die Vergangenheit des Dorfes zu erzählen, das für einige Jahrzehnte eine sehr innovative Industrie beherbergte. Die Firma Paillard etwa stellte nicht nur Radios und Schmalfilm-Apparate her, sondern auch die berühmte mechanische Schreibmaschine Hermes Baby. Auf ihr tippte beispielsweise Emmi Creola-Maag (besser bekannt als Betty Bossi) ihre Rezepte.
1883 gründete Hermann Thorens einen Betrieb, der anfänglich Spieldosen herstellte. Später kamen Mundharmonikas und Feuerzeuge dazu, schliesslich auch Plattenspieler. Die Marke gibt es immer noch, die Geräte werden jedoch in Deutschland produziert. Älteren Leuten dürften die Kandahar Skibindungen noch ein Begriff sein, die im 20. Jahrhundert jahrelang verwendet wurden. Auch sie wurden in Sainte-Croix fabriziert. All diese Betriebe sind verschwunden, der Glanz des Jura-Dorfes ist verblasst. Üppiger Blumenschmuck verschönert das Dorfbild.
Das Hôtel de Ville (Gemeindehaus) beherbergte in früheren Jahren hohe Besuche, war aber auch mit Arrestzellen versehen. Übeltäter blieben nicht lange inhaftiert. Dafür wurden sie mit einem Schnitt im Ohr gekennzeichnet. Vermutlich stammt der Begriff «Schlitzohr» von dieser Brandmarkung. Salz spielte in der Region ebenfalls einmal eine wichtige Rolle. Das Speisesalz war so wertvoll, dass die Arbeiter anstelle von Geld mit Salz entlöhnt wurden. Kommt der Ausdruck «gesalzene Rechnung» vielleicht von daher?
Für ein paar Jahre verboten
La Brévine im Neuenburger Jura gilt als «Sibirien der Schweiz». 1987 wurde hier mit -41,8 Grad die tiefste je in der Schweiz gemessene Temperatur registriert. Beim Besuch der Hinterthurgauer war sie gut 70 Grad höher! Also nichts mit Abkühlung. Einer der Teilnehmer liess es sich dennoch nicht nehmen, sich in Jacke, Schal und Mütze abbilden zu lassen.
Nebst hohen Graden sahen sich die Seniorinnen und Senioren in Couvet auch mit hohen Prozenten konfrontiert. Nämlich bei der Degustation von Absinth. Hier erfuhren sie viel über die Herstellung dieses alkoholischen Getränkes, das bis zu 89 Volumenprozent erreichen kann. Traditionelle enthält es Wermutkraut, Anis und Fenchel, doch werden ihm je nach Rezeptur weitere Kräuter beigemischt. Die meisten Absinthmarken sind grün, weshalb die Spirituose auch «Die grüne Fee» genannt wird.
Absinth wurde ursprünglich im 18. Jahrhundert im Val de Travers als Heilmittel produziert. Ab 1915 war das Getränk in einigen europäischen Staaten und den USA verboten, da es als gesundheitsschädigend galt. Seit 2005 sind Herstellung und Verkauf auch in der Schweiz wieder erlaubt.
Abstecher nach Frankreich
Zum Reiseprogramm gehörte ein Ausflug ins benachbarte Frankreich. Pontarlier zählt etwa 18’000 Einwohnende und ist nur wenige Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt. Mit einer Höhenlage von 837 Metern ist es die zweithöchst gelegene Stadt Frankreichs (nach Briançon) und hat eine sehenswerte Altstadt. Bei gut 36 Grad Hitze zogen es aber die meisten Gäste aus dem Thurgau vor, sich in einem schattigen Strassencafé zu verpflegen und dem Treiben sitzend zuzuschauen.
Bequem war die Fahrt auf dem Lac de Joux. Er liegt auf 1004 m ü. M. und ist mit einer Fläche von 9,56 Quadratkilometern der grösste See im Juragebirge. Erstaunliche Zahlen bekamen die Reisenden zu hören. So soll das Vallée de Joux mit seinen nur etwa 7000 Bewohnenden rund zehn Prozent der Waadtländer Steuern generieren. Verschiedene Unternehmen der Mikrotechnik und Feinmechanik haben sich in den drei Gemeinden angesiedelt, oft hochspezialisierte Zulieferbetriebe für die Uhrenindustrie (Luxusuhren, Edelsteine).
Auf der Heimfahrt legte die Reisegesellschaft aus dem Tannzapfenland einen Zwischenhalt im historischen Städtchen Murten ein. Nun entfernte sie sich immer mehr vom französisch sprechenden Teil der Schweiz und erreichte am Freitagabend wieder heimische Gefilde. Mit verschwitzten Kleidungsstücken, aber interessanten Erinnerungen.
Text: Albert Büchi






